☰ MENÜ

 

Dörte Hansen „Broder“

Empfehlungen

Ein Hof in Nordfriesland ist der Schauplatz in Dörte Hansens neuem Roman, und wieder geht es wie in „Mittagsstunde“ um den Wandel in der ländlichen Welt. Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt die Autorin von einer Familie und stellt die großen Fragen nach Verantwortung, Verlust und Schuld.

Der Behnsenhof steht zwischen Tradition und Fortschritt: Während der Altbauer Paul noch jeden Morgen durch den Stall geht und die Kühe beschaut, ist mit seinem Sohn Henning, dem Technikfreak, längst die Moderne eingezogen. Henning setzt auf digitales Monitoring, Spaltschieber und Hochleistungskühe, während bei seinem Bruder, dem Großtierarzt Broder Behnsen, nur Bioprodukte im Kühlschrank stehen. Broder ist nach über 20 Jahren Arbeit als Pferdearzt in die Heimat zurückgekehrt, nach einem tragischen Unfall auf dem Hof. Familie verpflichtet, auch bei aller Wut, die Broder auf seinen Bruder Henning bisweilen empfindet, wäre er doch der bessere Bauer gewesen, mit dem richtigen Gefühl für Tiere. In kurzen Kapiteln entwickelt Dörte Hansen hier eine Familiengeschichte, nicht nur um einen Bruderzwist, sondern auch die Geschichte um die Frauen auf dem Hof und im Dorf. Ganz allmählich entsteht so ein vielschichtiges Bild vom Landleben, das den Druck auf Menschen wie Tiere im bäuerlichen Leben beeindruckend zeigt. Erschöpfung, auch Überforderung und politische Entscheidungen fernab der Lebensrealitäten der ländlichen Bevölkerung, menschliche Tragödien und familiäre Verquickungen verdichten sich hier zu einem spannenden und berührenden Roman, der in einer mündlich tradierten Sprache seine Figuren lebendig werden lässt.

Wunderbar sind auch Dörte Hansens Wortschöpfungen („Hoffnungsspeicher“), und ihre großartigen Schilderungen von Natur und Vögeln.

Dörte Hansen kann Milieu, und sie kann Landleben, nicht ohne eine leise mitschwingende Melancholie, aber die teilt man nur zu gern.

 

ISBN 978-3-32860455-6     € 26,-

 

Diese Buch empfiehlt Ulrike Groffy